Rezension
Alina Bronsky, 1978 in Jekaterinburg/Russland geboren, arbeitete sie als Texterin und als Redakteurin bei einer Tageszeitung. Sie lebt in Frankfurt. "Scherbenpark" ist ihre erste literarische Veröffentlichung. (Foto © Roman Größer)
Links
Machos, Trinker, Teenagermütter
Will man als Debütant einen Roman unterbringen, braucht man für gewöhnlich das Durchhaltevermögen eines DSDS-Kandidaten. Man muss in Literaturinstituten das Handwerk lernen, mit Kurzgeschichten auf sich aufmerksam machen, Preise gewinnen, eine Agentur und einen Verlag begeistern.
-
Scherbenpark
Alina Bronsky
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462040308
Preis: EUR 16.95
Buch kaufen
Alina Bronsky musste all das nicht. Sie hat eine Mail geschrieben, ihr Manuskript angehängt und einen Vertrag unterschrieben. So ein kleines Literaturmärchen kann natürlich nur gelingen, wenn der Text sofort punktet. Die 30-Jährige, in Jekaterinenburg geborene, in Hessen aufgewachsene dreifache Mutter Alina Bronsky tut das auf einfache, wirkungsvolle Weise: Schon auf der ersten Seite schubst sie den Leser ins Geschehen und schlägt die Tür hinter ihm zu.
Perfekte Identifikation
Die Geiselnehmerin heißt Sascha und ist Bronskys 17-jährige Hauptfigur. Sie entführt uns in die unbekannte Welt des „Solitär“, eine Hochhaussiedlung voller Russlanddeutscher irgendwo am Rande einer mittelgroßen deutschen Stadt. Machos, Trinker, Teenagermütter, Hartz-IV-Empfänger – und mitten darin Sascha: klug, hübsch, lebensfähig. Sascha ist die perfekte Identifikationsfigur, weil sie eine Grenzgängerin ist, weil sie die Möglichkeit des Auswegs verkörpert, die Hoffnung auf gelingende Integration.
"Ich will Vadim töten"
Aber Alina Bronsky hätte nicht Lektoren, Verleger und Journalisten auf Anhieb begeistert, wenn sie nicht mehr zu bieten hätte als eine Identifikationsfigur. „Ich will Vadim töten“ bekennt Sascha in der vierten Zeile des Romans. Wir ahnen erst, wie vollständig wir ihr verfallen werden und schon ist klar: Sascha ist in Gefahr.
Je weiter wir Sascha in ihre düstere Welt folgen, desto stärker entfaltet sie ihre Wirkung, amüsiert mit ihrem schnoddrigen Witz, rührt mit ihrer Fähigkeit zu lieben und überrumpelt mit ihrem Zynismus.Gerne verzeihen wir die Achterbahnfahrt der Handlung und das allzu harmonische Ende des Romans. Denn es erlaubt uns, uns Sascha vorzustellen, wie sie einige Jahre später eine Universität verlässt: immer noch klug, hübsch und lebensfähig und mit einem Doktorhut auf dem Kopf.
von TRAUDL BÜNGER
DIE REZENSENTIN: Traudl Bünger, Jg. 1975, ist Autorin und Redakteurin des Literaturfestivals lit.COLOGNE.
Mitglieder Kommentare (1)
-
kerry
Ein tolles Buch. Sascha ist so wie Jane Austens Emma.

11/07/2009, 05:09