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Rezension

Barbetta_360

María Cecilia Barbetta wurde 1972 in Buenos Aires geboren, wo sie Deutsch als Fremdsprache studierte. Mit einem DAAD-Stipendium kam sie 1996 nach Berlin und blieb. 2008 wurde ihr Debütroman mit dem Aspekte-Preis ausgezeichnet. (Foto © Sven Paustian)

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Von Farben, Fäden und der Lust am Spiel

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Ein Buch als „schön“ zu bezeichnen ist in den seltensten Fällen ein Kompliment. Doch bei Maria Cecilia Barbettas Debütroman „Änderungsschneiderei Los Milagros“ kann man es nicht anders sagen: Dieses Buch ist schön in jeder Hinsicht!

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Noch weit vor der Begeisterung für die spielerische Leichtigkeit der Sprache oder für die spiegelbildliche Lebens- und Liebesgeschichte zweier junger Frauen in Buenos Aires steht das haptische Erlebnis dieses wunderbaren Buches. Im Grunde handelt es sich bei „Änderungsschneiderei Los Milagros“ auch um ein Bilderbuch. Durchgehend farbig, aufwendig bebildert und die sprachlichen Spielereien auch im Satzspiegel aufnehmend, möchte man zunächst einfach nur blättern, sich hineinziehen lassen und freuen, dass es endlich auch einmal eine Autorin aus Deutschland wagt, die vermeintlich strengen Grenzen von Text und Bild zu durchbrechen.

Die Freunde am Spiel mit dem Fremden

Die 1972 geborene Autorin und Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache wuchs in Buenos Aires auf – der Stadt, aus der sich auch ihre Romanwelt speist. Seit 1996 lebt sie in Berlin, wo sie an der Freien Universität promovierte. Ihre literarischen Texte schrieb sie von Anfang an auf Deutsch. Und vielleicht ist es eben diese eigentümliche Vertauschung – das Schreiben in der „Fremdsprache“ über den vertrauten Kosmos von Kindheit und Jugend –, die den ganz besonderen Ton des Buches erzeugt. Denn obwohl Barbetta das Deutsche perfekt beherrscht, bleibt dennoch die Freude am Fremden dieser Sprache immer spürbar: im Spiel mit Doppeldeutigkeiten, mit Anfangs- und Endbuchstaben, mit Formen und Klangfolgen.

Zwei Frauen und ein Hochzeitskleid

Erzählt wird die Geschichte zweier junger Frauen, der Schneiderin Mariana Nalo und der Lehrerin Analía Morán, die sich in der Änderungsschneiderei von Marianas Tante Milagros begegnen. Analía möchte ihren Freund Roberto demnächst heiraten und zu diesem Zweck das alte Hochzeitskleid ihrer Mutter ändern lassen. Milagros Nalo überträgt ihrer Nichte Mariana diese Aufgabe, die sich gleich mit Feuereifer an die Arbeit macht. Die Schneiderei wird zum Begegnungs- und Veränderungsort für die beiden Frauen. Geschichte und Geschichten oszillieren zwischen Knöpfen, Stoffen und Fäden. Die Änderung des Kleides wird zum roten Faden in einer Geschichte, die sich dann in alle Himmelsrichtungen auszubreiten scheint; Marianas und Analías Geschichten, die Geschichten ihrer Männer, Geraldo und Roberto, die Geschichte von Marianas Mutter, die ihren Mann zu früh verlor, die Geschichte von Marianas und Geraldos zerbrochener Liebe.

Zwischen Fantasie und Realismus

Immer tiefer taucht man ein und wird hineingezogen in einen Strudel zwischen Fantasie und Realismus. Das Doppelgängermotiv, das Mariana und Analía (im Übrigen auch namentlich anagrammatisch verknüpft) verbindet, scheint sich dahin gehend aufzulösen, dass am Ende nicht einmal mehr klar ist, ob es tatsächlich um zwei Frauen geht oder aber ob sie eigentlich nur zwei Seiten derselben Medaille sind. Auch Geraldo und Roberto sind, oder eben nicht, derselbe Mann, oder auch nur derselbe Typ Mann.

Die Autorin spielt, jongliert und montiert munter in der Weltliteratur herum, zitiert von Shakespeare, Jules Verne bis Borges und Lewis Carroll alle üblichen Verdächtigen. Ihr Roman ist eine einzige Liebeserklärung – an die Literatur, an die Sprache, an die Liebe, an die Frauen und an das Leben. „Ich liebe den Kitsch“, hat Maria Cecilia Barbetta einmal in einem Interview gesagt und gelacht, als sie gefragt wurde, ob ihre Sprache und ihre ganze Art, zu erzählen, nicht doch eine sehr weibliche seien. Und so unverkrampft, wie die Autorin vermeintliche Kritik wegwischt, so sollte man wohl auch mit diesem Buch umgehen. Man muss sich einlassen. Bedingungslos. Belohnt wird man mit einem Buch, das so außergewöhnlich, klug, verspielt – und schön ist, wie schon lange keins mehr.

von RASHA KHAYAT

 

DIE REZENSENTIN: Rasha Khayat, Jg. 1978, studierte Komparatistik, Germanistik und Philosophie in Bonn. Sie lebt als Übersetzerin und Lektorin in Hamburg. 

 

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