Rezension
Judith Schalansky, geboren 1980 in Greifswald, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign in Berlin und Potsdam. Sie lebt in Berlin. (Foto © Lynn Kossler)
Wege zum Text: Die Autorin Judith Schalansky über die Entstehung ihres "Matrosenromans"
Weitere Bücher
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Fraktur mon Amour
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Verlag: Hermann Schmidt Verlag
ISBN-10: 3874397483
Preis: EUR 49.80
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Man muss sie lieben, doch treu sind sie nie
„Dieser Roman löst Fernweh aus“ – sagt Antje Rávic Strubel über Judith Schalanskys Erstling. Und sie hat recht. Ein Buch, das dem Matrosen-Phantasma in all seinen Facetten näher kommt, wird man vergeblich suchen.
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Blau steht dir nicht. mare bibliothek, Band 35
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Verlag: Mareverlag GmbH
ISBN-10: 3866480784
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Man muss etwas Geduld haben, bis die ersten Seeleute auftauchen in Judith Schalanskys „Matrosenroman“, doch am Ende des ersten Kapitels ist es so weit: Plötzlich sind sie da, auf der Strandpromenade von Usedom, fast wie in einer Traumsequenz – überdeutlich und unwirklich zugleich. Eine Gruppe junger Männer in Uniform mit strahlend weißen Hemden, blauen Krägen und aufgebauschten Mützen.
Der Matrose als Zauberformel
Beobachtet wird diese Szene von einem jungen Mädchen namens Jenny und ihrem Großvater. Und als der Großvater das Wort „Matrosen“ ausspricht, prägt es sich der Kleinen ein wie eine Zauberformel, die sie auf dem ganzen Heimweg wiederholt: „Ma-tro-sen“.
Diese Formel erweist sich im Folgenden als überaus mächtig, denn sie bezeichnet das Leitmotiv der ganzen weiteren Geschichte: einer Geschichte, die immer wieder die Erzählperspektive wechselt und die Grenzen von Zeit und Raum aufzulösen scheint. Was jedoch trotz der vielen Schauplätze und historischen Kontexte immer präsent bleibt, sind die Matrosen. Oder genau genommen: ihre symbolische Verkörperung – der Matrosenanzug.
Eine doppelte Spurensuche
Auf zwei erzählerischen Ebenen betreibt Schalansky ihre „Archäologie“ dieses Motivs. Die eine ist deutlich biographisch markiert und führt den Leser in mehreren Episoden an die Ostsee Mitte des letzten DDR-Jahrzehnts. Hier sind es die Kindheitserlebnisse der Hauptfigur Jenny, Urlaubsaufenthalte bei den Großeltern, die im Mittelpunkt stehen: eine Atmosphäre, die bestimmt ist durch eine Mischung aus Geborgenheit und diffuser Beengung. Alles Maritime scheint dabei eine Art Gegenwelt zu eröffnen: eine anarchische Sphäre jenseits von Ausreisebeschränkungen und ideologisch-durchsetztem Alltagsvokabular.
Diese Kindheitsepisoden wechseln sich ab mit Kapiteln, in denen man einer weiblichen Erzählerin, wohl der erwachsen gewordenen Jenny, auf mehreren Reisen folgt: nach Riga, New York und zuletzt wieder nach Usedom. Bezeichnend für diese Passagen ist eine kunstvolle Verschachtelung von fiktionalem und authentischem Material. Die Begegnung mit Fotografien wie der des jüngsten Zarensohns in Matrosenanzug oder Eisensteins’ Filmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ oder auch der schillernden Künstlergestalt Claude Cahuns (auch sie eine Freundin des Matrosenanzugs) lässt die Handlung immer wieder durchlässig werden und abgleiten in den Raum tatsächlicher „Geschichte“. Hier wirken die Matrosenmotive fast wie geheime Signale – wenn sie auftauchen, weiß man: Hier endet der geschlossene Raum der eigentlichen, „realen“ Handlung, beginnt der Abstieg ins Imaginäre; hier wird Historie neu geschrieben als „Matrosengeschichte“.
Zwischen Kindermode und homoerotischem Fetisch
Und schon bald ist klar: Hier geht es um weitaus mehr, als um die erzählerische Aufarbeitung der verschiedenen Realisationen eines modischen Accessoires: Der Matrosenanzug – mit seinem paradoxen symbolischen Gehalt, der vom Militärisch-Martialischen über das Kindlich-Unbefleckte bis hin zur homoerotischen Ikonographie reicht – bringt die Ordnung der Identitäten zum Tanzen. Das Losungswort „Ma-tro-se“ eröffnet einen Raum, in dem klare Zuordnungen aufgelöst sind und das undurchschaubare Spiel von Simulation und Eigentlichkeit beginnt.
Judith Schalanskys ist es virtuos gelungen, diesen eigentümlichen Raum auszuloten: Entstanden ist ein schmales, kostbares Buch – an dessen Ende man verwundert ist, wie viel Welt auf 140 Seiten passen kann. Wer es herausfinden möchte, braucht sie bloß aufzuschlagen.
von JAN VALK
DER REZENSENT: Jan Valk, Jg. 1978, lebt als freier Journalist und Literaturlektor in Berlin und Köln.
