1. Skip to navigation
  2. Skip to content
  3. Skip to sidebar

Rezension

Stichmann_360

Andreas Stichmann, Jg. 1983, studiert seit 2005 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2006 nahm er an der Endrunde des Berliner Open Mike teil. »Jackie in Silber« ist seine erste eigenständige Veröffentlichung. (Foto © Martin Klindtworth)

Coolness war gestern

starstarstarstarstar(0)

Bewerten | Kommentieren

Coolness war gestern. Der Umgang mit der beschädigten Gegenwart führt direkt in den notwendigen Erregungszustand. Mit seinem erstaunlichen Debütband „Jackie in Silber“ zeigt uns Andreas Stichmann, dass Scheitern schmerzt. Und doch so schön sein kann.

  1. Jackie_in_silber

    Jackie in Silber

    Andreas Stichmann

    Verlag: Mairisch Verlag

    ISBN-10: 3938539097

    Preis: EUR 14.90

    Buch kaufen

Gut, dass es Bühnen gibt für frische Literatur. Nicht erst seit der Fernsehpräsentation des Bachmannpreises sind öffentlich ausgetragene Lesewettbewerbe geeignete Börsenplätze für junge Autoren. Der Bonner Andreas Stichmann etwa ließ seinen Kurs auf dem Berliner open mike verhandeln. Das Publikum war begeistert, das Feuilleton auch. Die Jury leider weniger.

Ungeachtet dessen hat der mairisch Verlag nun den ersten Erzählband des Autors herausgebracht. „Jackie in Silber“ ist ein bunt funkelndes Sammelsurium an Streifzügen durch das Ausgesetztsein – gegenüber der Welt und vor allem: sich selbst. Wir erfahren von Donquichotterien unter Kumpels, erotischen Reisen in die Vergangenheit und solchen auf fremde Kontinente. Erzählt wird das Ganze mit trockenem Humor und surrealen Kniffen.

Hartleibig und doch voller Selbstzweifel

Ob skurrile Metaphern, überspannte Zerrbilder oder literarische Memorabilien, stets stößt man auf eine Verfremdungsebene, die dem Geschehen den Alltagsstaub aus den Kleidern klopft. Noch das harmloseste Geschehen zerbricht unter dem unnachgiebigen Blick des Ich-Erzählers. Da gerät die Frage nach einer einfachen Auskunft zur Publikumsbeschimpfung und der Saunabesuch zum shakespearschen Drama. Nach außen hartleibig und doch voller Selbstzweifel konfrontiert sich das Ich mit den Dingen, setzt sich dem Banalen aus und lauscht dem vermeintlich Gewöhnlichen so das Phänomenale ab. Nichts ist schließlich, wie es ist.

Im Ton erinnert „Jackie in Silber“ dabei an die überempfindlichen Antihelden Genazinos, etwa an die schnoddrige Randständigkeit eines Abschaffel. Auch Stichmann präsentiert Helden der Innerlichkeit, die den Verlust als Dauerzustand begreifen und ihn meist lakonisch verbuchen: „Andere spielen ihr Leben lang Badminton, messen den Blutdruck und sterben trotzdem früh. Weil sie zu bescheiden sind, auf eine geizige Art.“ Solche Bescheidenheit versagt sich sein Erzähler notgedrungen. Nicht er kontrolliert das Leben, das Leben kontrolliert ihn. Seine Erregung ist notwendig, und die zur Schau gestellte Selbstironie gerät zur nachträglichen Selbstrechtfertigung.

Bei Stichmann hat man manchmal das Gefühl, sich für die Einrichtung der menschlichen Existenz schämen zu müssen, denn das Leben erscheint hier tatsächlich als niederer Wahn und die Realität lediglich als Mangelerfahrung. Wie es in „Malealea“, einer kurios dahinruckelnden Südafrika-Anekdote, sarkastisch heißt: „Ein richtiges Erlebnis ist nur noch zu toppen von einer Erfahrung.“ Da die aber regelmäßig ausbleibt, tritt an deren Stelle kurzerhand das, was das Ich dafür hält: Melancholie.

Die Jagd nach der kleinen Liebe, dem kurzen Glück

So schonungslos die Figuren ihre beschädigte Wirklichkeit auch protokollieren, so vergeblich jagen sie der kleinen Liebe, dem kurzen Glück hinterher. Immer bleiben ihre Wunden offen. Gerade deshalb aber ist es schade, dass der Autor nicht immer die nötige Sympathie für dieses Scheitern aufbringt und manche Erzählung allzu abgeklärt daherkommen will. Da, wo Stichmanns Erzählkunst funktioniert, ist sie jedoch erstaunlich reif und so mitreißend, dass man dem Autor den ein oder anderen zwischenzeitlichen Einbruch gerne verzeiht. Man darf also zu Recht gespannt sein, ob diesem schmalen Erzählband bald ein Roman folgen wird.

von CHRISTOPH CÖLN

 

DER REZENSENT: Christoph Cöln, Jg. 1978, studierte Germanistik und Politik in Bonn; zur Zeit arbeitet er an einer filmwissenschaftlichen Promotion und als freier Rezensent im Literatur- und Kulturwissenschaftsbereich. Er lebt in Köln.


Bookmark and Share

Kommentieren

Mitglieder Kommentare ()