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Rezension

Steinaecker_360

Thomas von Steinaecker, Jg. 1977, lebt in München. Sein Romandebüt Wallner beginnt zu fliegen wurde mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet und landete auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2007. (Foto © Joachim Unseld)

Düstere Rollenspiele

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Nach „Wallner beginnt zu fliegen“, 2007 für den Deutschen Buchpreis nominiert, hat Thomas von Steinaecker nun einen großen und unheimlichen Graphic-Novel-Roman über das Flüchtige und Rätselhafte der menschlichen Existenz geschrieben.

  1. Geister

    Geister

    Thomas von Steinaecker

    Verlag: Frankfurter Verlags-Anstalt

    ISBN-10: 3627001508

    Preis: EUR 19.80

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Es ist eine Lektion aus zahlreichen Kriminalgeschichten: Wo ist ein Geheimnis am besten verborgen? Natürlich dort, wo es jeder sehen kann, aber keiner vermutet. So verhält es sich auch mit dem Schlüssel zu Thomas von Steinaeckers Roman „Geister“. Er ist derart exponiert platziert, dass man ihn schnell einfach übersieht – nämlich im Titel selbst: Die Figuren in diesem düster und feinsinnig durchdachten Kunstwerk irren durch ihr Leben wie die Namen gebenden Geister.

So auch Jürgen, Steinaeckers vermeintlicher Held. Seit seine Schwester Ulrike eines Tages nicht mehr von der Schule zurückkehrt, wird sie zum blinden Fleck in seiner Biografie. Ulrikes Abwesenheit wird durch die übermächtige Trauer der Eltern zu einer alles dominierenden Anwesenheit, hinter der Jürgen zu verschwinden droht. Steinaecker beschreibt eindringlich, wie das erlittene Trauma den Blick der Eltern trübt und sie ihren Sohn zunehmend aus den Augen verlieren, noch während er vor ihnen steht.

Der Junge mit der Clownsmaske

Dem Autor gelingt es, alltägliche Begebenheiten in ein – im Sinne des Wortes – ungeheuerliches Licht zu tauchen. So zum Beispiel in einer einfachen Geste, in der der Vater Jürgen scheinbar liebevoll über den Kopf streicht, dabei aber nicht seinen Sohn meint, sondern nur den eigenen Schmerz aus einem wiederkehrenden Traum. „Menschen, die sich treffen, aber nie begegnen“, heißt es treffend auf der Umschlagseite des Romans.

Mit „Geister“ negiert Thomas von Steinaecker den klassischen Entwicklungsroman. Er lässt Jürgen als Heranwachsenden verschiedene Rollen ausprobieren; dabei treibt dieser das kultische Aneignen fremder Identitäten auf die Spitze – so besucht er beispielsweise den Schulunterricht eine Zeitlang unter einer Clownsmaske. Einmal ermahnt ihn ein Lehrer, dass es nun wirklich genug sei und dass er „jetzt wieder ‚der Jürgen‘ sein“ solle. „Den Jürgen“ gibt es aber nicht. In dem Vexierspiel seiner Identitäten bleibt er sich und allen anderen fremd.

Die Enden der Sprache und der Anfang vom Bild

Eines Tages begegnet er dann der Comic-Zeichnerin Cordula. In ihrem Strip greift diese das Schicksal von Jürgens Schwester wieder auf und erweckt die Verschwundene zum Leben. Von da an lässt er sich mehr und mehr auf das geheimnisvolle Mädchen ein und taucht ab in die rätselhafte Fantasiewelt ihrer Comics. Im Roman werden diese Comics geschickt eingebunden; sie erzählen Jürgens Geschichte aus einer anderen Perspektive weiter: als tatsächliche, farbige Bildsequenz, die den Textfluss plötzlich unterbricht – als kleine Graphic Novel mitten im Roman.

Der dramatische Effekt ist enorm: In Cordulas Cartoons erscheint Jürgen noch einmal in einem vollkommen anderen Licht. Man erkennt ihn wieder, diesen Jürgen, aber es ist doch ein vollkommen anderer. In solchen Momenten geht dem Leser ein kalter Schauer über den Rücken. Das Leben ist nur eine Hülle, ein Trugbild, scheint uns der Text zuzuflüstern. Dieses Kunststück gelingt Steinaecker, weil er den dramatischen Effekt nicht vordergründig behauptet, sondern zu Recht auf die überzeugende Kraft seiner Darstellung vertraut. Mit seinem zweiten Roman hat Steinaecker ein Stück Literatur geschaffen, das bleiben wird.

von LEWIS GROPP

 

DER REZENSENT: Lewis Gropp lebt als freier Journalist und Übersetzer in Köln. Seit 2003 ist er Redakteur von Qantara.de (Deutsche Welle Online).

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Leseprobe: Geister

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