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Leserfragen royal

Professor

Ein Streiter für das Gute, Wahre und Schöne: Unser Literaturexperte Konrad von Hochstetten-Lastenow (Foto: ©litCOLONY)

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"Sind Krimis entspannender als andere Bücher?"

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Hallo, Herr Professor, ich kaufe mir öfter mal ein Buch, das in der Zeitung empfohlen wurde, aber meistens lese ich das dann nicht, weil es zu anstrengend ist. Nach meiner sowieso schon anstrengenden Arbeit greife ich abends lieber mal zu einem Krimi. Ist das schlimm? Anonym


Geehrte fragestellende Person,

Ihre Zuschrift enthält mehrere Denkfehler, die ich gerne versuchen möchte aufzuklären. Zunächst verstehe ich nicht, daß Sie nach einer herben Enttäuschung, nämlich nachdem Sie von einem empfohlenen Buch sehr angestrengt worden sind, weiterhin auf die Empfehlungen des Feuilletons hören und sich nicht selbst auf die Suche nach der Ihnen gemäßen Lektüre machen. Ich bewundere Ihr unerschütterliches Vertrauen, aber mehr noch als Vertrauen scheint mir mangelndes Selbstbewußtsein diesen Denkfehler zu befördern: Sie denken offenbar, jemand ist intelligent, wenn er nicht anstrengend findet, was ein Kritiker nicht anstrengend findet und umgekehrt. Wie kommen Sie aber auf diese Weltsicht? Glauben Sie, ich beschäftige mich nach einem anstrengenden Tag noch mit der Widerlegung des Gödelschen Vollständigkeitssatzes oder versuche zum zweiten Mal in meinem Leben das Durcheinander von James Joyce’ „Finnegans Wake“ zu entschlüsseln? Natürlich nicht. Ich entspanne mich eher bei interessanten Briefwechseln, mit Aphorismen, kurzen Erzählungen oder auch dicken Schwarten, die mich so kunstvoll in eine ferne Welt – sagen wir: das Rußland der Napoleonischen Kriege – entführen, daß die Anstrengung am Ende eher aus der verpaßten Schlafenszeit resultiert.

Daß in meiner Aufzählung nicht das Wort Kriminalroman aufgetaucht ist, liegt nämlich nicht an einem Dünkel, den ich etwa gegen dieses Genre hätte, wie Sie ihn umgekehrt, so vermute ich stark, gegen Briefwechsel, Aphorismen und dicke Schwarten haben, sondern an einer Erfahrung. Denn ich habe es probiert. Ich habe einen Kriminalroman gelesen. Und damit meine ich nicht Literatur mit Elementen des Kriminalromans, sondern einen richtigen, sehr populären, den ich mir von einem Buchhändler empfehlen ließ (und zwar von einem, der mich nicht kannte und der mir deshalb zur Sicherheit empfahl, was wohl den meisten gefällt). Es war gräßlich: Ich wurde unendlich müde, bekam Kopfschmerzen, die Sätze waren abgehakt, seltsame, unzusammenhängende Dinge wurden breit ausgeführt, um hinterher zu einer völlig banalen Lösung zu führen, ich verstand kein Wort, dann verstand ich leider alles, aber nichts paßte zusammen oder war irgendwie logisch, ich hatte es mit lauter Anspielungen auf irgend etwas zu tun, von dem ich keine Ahnung hatte – kurz: Es war eine schwer beschreibbare Folter. So etwas hatte ich zuletzt mit Hegels abscheulicher „Phänomenologie des Geistes“ erlebt.

Ich habe seither nie wieder einen Krimi gelesen. Das ist wahrscheinlich dumm und eine Überreaktion. Aber eines weiß ich zumindest: Nicht jeder Krimi entspannt. Und umgekehrt sollten auch Sie wissen: Es gibt sehr Entspannendes jenseits des Krimis. Man muß es jedoch hartnäckig suchen. Meine Frau sagt, es sei vielleicht wie beim Wein: Der eine sucht sich bis zu den subtilsten Genüssen hindurch, der andere bleibt bei der immer gleichen Plörre, weil er einmal einen lustigen Abend damit hatte. Und das Etikett spielt beim Genuß die geringste Rolle.    

Also gut, in diesem Sinne werde ich mir sofort wieder einen Krimi besorgen. Und Ihnen könnte im gesamten nächsten Jahr Tolstois „Krieg und Frieden“ den schönsten Feierabend bereiten.


In der Hoffnung, Ihnen geholfen zu haben,
 

von Hochstetten-Lastenow

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Mitglieder Kommentare (2)

  • visneider

    03/08/2009, 11:07

    In der Sekundarschule in Winterthur musste wir einmal einen Aufsatz mit folgendem Titel schreiben: Was lese ich. Ich schrieb, dass ich nur Krimis und die Fortsetzungsromane in der Illustrierten lesen würde. Als ich jung war, war nämlich das Jugendbuchangebot für Jungen äusserst dürftig, also griff ich zu der Lektüre, die ich damals, ich war 13 Jahre alt, spannend fand. Und mein Aufsatz stiess gar nicht auf Sympathie bei meinem Lehrer. Er kanzelte mich vor der ganzen Klasse ab und sah mich bereits als zukünftigen Inhaftierten in einem Hochsicherheitsgefängnis. Krimis waren für ihn Schund und katastrophal für die weitere Entwicklung. Heute bin ich Lehrer und freue mich, wenn meine Schüler überhaupt eine Zeile lesen und ich ihnen die Lektüre aus der Hand nehmen muss, wenn ich mit dem Unterricht beginnen möchte.

    Buchbewertung starstarstarstarstar

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  • visneider

    03/08/2009, 11:07

    In der Sekundarschule in Winterthur musste wir einmal einen Aufsatz mit folgendem Titel schreiben: Was lese ich. Ich schrieb, dass ich nur Krimis und die Fortsetzungsromane in der Illustrierten lesen würde. Als ich jung war, war nämlich das Jugendbuchangebot für Jungen äusserst dürftig, also griff ich zu der Lektüre, die ich damals, ich war 13 Jahre alt, spannend fand. Und mein Aufsatz stiess gar nicht auf Sympathie bei meinem Lehrer. Er kanzelte mich vor der ganzen Klasse ab und sah mich bereits als zukünftigen Inhaftierten in einem Hochsicherheitsgefängnis. Krimis waren für ihn Schund und katastrophal für die weitere Entwicklung. Heute bin ich Lehrer und freue mich, wenn meine Schüler überhaupt eine Zeile lesen und ich ihnen die Lektüre aus der Hand nehmen muss, wenn ich mit dem Unterricht beginnen möchte.

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