Leserfragen royal
Ein Streiter für das Gute, Wahre und Schöne: Unser Literaturexperte Konrad von Hochstetten-Lastenow (Foto: ©litCOLONY)
Links
"Mein Sohn Ralph (12) will Autor werden. Kann er davon leben?"
LESERBRIEF I an unseren Literaturexperten Prof. Dr. Konrad von Hochstetten-Lastenow: Sehr geehrter Herr Professor, immer wieder hört man, daß Schriftsteller nicht vom Schreiben leben können. Da mein Sohn Ralf (12) jetzt Schriftsteller werden will, wollte ich Sie fragen, welche Möglichkeiten es gibt bzw. warum trotzdem so viele Schriftsteller werden wollen? Heike Keller aus D.
ghjg
Meine liebe Frau Keller,
als ich mich darauf eingelassen habe, mein bescheidenes Wissen in diesem Medium (für das zu arbeiten ich mich schon jetzt schäme, weil es a priori unliterarisch ist) zur Verfügung zu stellen, habe ich auf Fragen gehofft, die weniger praktisch sind und mir die Möglichkeit eröffnen, in geistige Tiefen hinabzusteigen, die mich und den Fragenden am Ende in geistige Höhen führen würden.
Da Sie nun aber offensichtlich eine auf das Praktische ausgerichtete Frau sind, die ihren Sohn vor einem grauenvollen Schicksal bewahren will, will ich Ihnen auch praktisch und ohne Umschweife antworten: Sicher ist Ihnen Latrodectus mactans, auch die Schwarze Witwe genannt, ein Begriff? Es handelt sich, wie Sie wissen, um ein gefährliches kleines, am Boden lebendes Biest, das in Nord- und Südamerika verbreitet ist und zu jenen Spinnenarten gehört, deren Paarungsverhalten wie bei den Menschen darauf hinausläuft, daß das Weibchen das Männchen frisst. Bei den Menschen ist diese Sache natürlich in die Gesellschaftsform der Ehe hineinsublimiert. Aber hier wie dort kommt es auf die Schnelligkeit an, in der es ein Männchen schafft, nach der Paarung zu entfliehen. Ein Wespenspinnenmann hat zehn Sekunden für das Vergnügen und eine Sekunde für die Flucht zur Verfügung. Eher eine Art russisches Roulette spielt dagegen in Liebesdingen der Walzenspinnenmann: Trifft er nämlich auf ein unerfahrenes Mädchen, kann er sie ohne Probleme überraschend betäuben und sie seinem Tun wehrlos ausliefern. Trifft er aber auf eine bereits erfahrene Frau, die schon einmal betäubt und ausgeliefert war – dann wird er umgehend gefressen.
Nun fragen Sie sich natürlich, liebe Frau Keller, was das mit Ihrem Sohn Ralf zu tun hat, der, wie Sie sagen, Schriftsteller werden will und keineswegs plant, sich mit einer Schwarzen Witwe einzulassen. Nun, ich wählte dieses Beispiel mit Bedacht, weil man sich nämlich aus der gemeinen menschlichen Vernunft heraus fragen könnte, warum die männliche Spinne sich den beschriebenen Gefahren überhaupt aussetzt. Und hier zeigen sich erstens aufs Schönste die Grenzen unserer merkwürdig geradlinigen Vernunft und zweitens auch die Antwort auf Ihre Frage: Wenn Ihr Sohn Ralf nicht nur Schriftsteller werden will, sondern schon einer ist – denn ich denke, man wird es nicht, man ist es; nur sollte man nicht sofort alles veröffentlichen, weil „Schriftsteller“ und „guter Schriftsteller“ auch wieder durch verschiedene Entwicklungsstufen voneinander getrennte Phänomene sein können –, wenn also Ralf schon ein Schriftsteller ist, dann, liebe Frau Keller, ist Ralf verloren.
Wie den Spinnerich zu seiner gefräßigen Schwarzen Witwe zieht es den Dichter wider besseren Wissens zum weißen Blatt. Versuchen Sie aber trotzdem, Ralf etwas anderes aufzuzwingen. Zum Beispiel: Rechtsanwalt. Wir brauchen Schriftsteller mit Erfahrung in diesem Beruf. Germanisten gibt es zu viele. Ärzte haben wir ausreichend (die Kollegen Benn und Tellkamp beispielsweise). Und ignorieren Sie, wenn Ralf so klingt wie Franz Kafka 1913 in einem Brief: „Nur die Nächte mit Schreiben durchrasen, das will ich. Und daran zugrundegehn oder irrsinnig werden, das will ich auch, weil es die notwendige längst vorausgefühlte Folge dessen ist.“ Kafka war schon sechs Jahre bei seiner Versicherung, als er dies schrieb, und sollte es noch lange bleiben. Trösten Sie Ralf und sich damit. Und freuen Sie sich, daß er überhaupt etwas werden will.
In der Hoffnung, weitergeholfen zu haben
Konrad von Hochstetten-Lastenow
Mitglieder Kommentare (2)
-
izpur
Der Professor hat eine eigenartige Vorstellung von der wunderbaren Phase von 11-13 Jahren, die ich die Zeit der Visionen nenne. Meine war es auch, ich wollte Schriftsteller werden. Also schrieb ich Kurzgeschichten, probierte Gedichte aus. Meine Lehrer im Gymnasium erfuhren davon und unterstützen die Anfrage der britischen Militär-Regierung, die mich als deutschen Nachkriegs-Boy-Scout im Rahmen des Re-adjucation-program mit 13 nach England schicken wollte. Sie schickten mich nach Cambridge in der Zeit von Ostern bis zu den Sommerferien, sogar zweimal hintereinander. Mein Professor Leavis für moderne europäische Literartur war jeden Nachmittag 2 - 3 Stunden für mich da. Ich las ihm auf Deutsch aus Grimms Märchen vor und er las die berühmten und besten Kurzgeschichten von Hemingway, Faulkner, Somerset Maugham und dann wurde diskutiert, nach besseren Worten gesucht, ich übersetzte - und immer wieder Kritik. Ich durfte alles fragen, wurde für Fehler gelobt. Ich verdanke einen wesentlichen Teil meines Erfolges dieser Zeit in Cambridge. Ich wusste bereits, dass ich besser auch einen Schwarzbrotberuf brauchen würde, denn vom süßen Kuchen der Literatur kann man erst später leben. Leider kam eine Krankheit mit 16 dazwischen. Daraufhin musste ich meine Pläne ändern, aber geschrieben habe ich immer, gab eine eigene Zeitschrift heraus, schrieb Gedichte und fing 1980 an Hörbucher auf Cassetten zu produzieren. Jetzt im hohen Alter schreibe ich Gedichte, einen Roman, Hörspiele, Drehbücher. Die frühe Viision hat mich niemals losgelassen. Eine meiner Enkelinnen in Canada, gerade 11 Jahre alt, fängt auch an mit Gedichten und Kurzgeschichten. Ich habe deswegen meiner Tochter gerade geschrieben, sie möge doch von der Universität in Victoria BC eine Literatur-Professor für 1 - 2 Stunden pro Woche anheuern. Ich habe Gedichte von ihr gelesen, die ganz ausgezeichnet sind. Es braucht doch nur Anregungen, viel Lesen guter Vorbilder, Mut und Lob zu Fehlern und viel, viel Anerkennung. Ich habe einen Bericht über meine Zeit in England geschrieben. Wenn Sie es mögen, sende ich Ihnen den per E-mail. Und noch etwas, möglichst schicken Sie ihren Sohn unbedingt vor der Pubertät einmal für einige Monate ins Ausland. Man lernt schnell eine fremde Sprache, die andere Kultur und wenn die Literatur hinzukommt, wird daraus ein Impuls, der das weitere Leben bestimmen wird. P.S. Sie können mithilfe des Buchs:"Das autobiographische Gedächtnis" Seite 56 testen, ob die Hirnstruktur Ihres Sohnes geeignet ist für das Schreiben. Beste Grüße P.K. Zimmermann
-
lessar7
14/07/2009, 01:17
Meine Gedanken hierzu. Sein...oder nicht sein, das ist hier die Frage? Inkognito empfinde ich das Metier, das der kleine Ralf anstrebt als verträumt so wie den Höhen und Tiefen ausgeliefert, den Kritikern, den Wohlgesonnen, Talentierten Kritikern, den Meistern, aber auch den Taugenichts"selbst", aber dabei sein in Kritik baden und den Schmutz einem wahren Poeten anhaften. Hat er einen Traum, egal was es sein mag, so ja ist er es schon bevor er zur Feder greifen kann, im Blute, im Herzen in allen Gliedern, das kann nur ein Poet sein, daran könnte man ihn erkennen. Nüchtern auch sachlich sein Glück! Dem Poet, dem es mitgegeben ist alles zu fühlen, so das es schmerzt auch die Kehrseite "der Medallie" die Wunder erleben zu dürfen, das poetische "leben", was kann es schöneres geben? Egal wer es für bahre Münzen anstrebt. Der Poet lebt nicht vom Brot allein, die Leser sind sein Reichtum, die HERZEN, welche sich öffnen, das Bewusstsein zu einem Schmetterling wird...Wort für Wort..Seite für Seite...Der Kokon zurückbleibt und der Geist emporsteigt. Nichts vermag ich als größeres Geschenk zu nennen, ausser die Geburt eines Kindlein, doch siehe und wisse eine Geburt kann ähnlich wie der Traum sein, der gebärt werden will, das ein jeglicher ihn wahrnimmt und Freude an ihm hat, so wie ein Vater und eine Mutter die Freude am Kinde haben. Fangen wir doch wieder an, an uns zu glauben. Kein Geld der Welt kann der Seele Flügel verleihen für die Ewigkeit.. voller Hoffnung, der Traum will leben, danach sollten die Menschen wieder streben und nicht wie Marionetten tanzen. Herz oder Vorgabe. Natürlichkeit oder der Vorstellung von Schönheit nacheifern? Was will Ralf , weis er es schon…ein Haus, ein Auto….oder ganz nah am wirklichen Geschehen…ich wünsche ihm letzteres, denn ein Raum ohne einen Traum bleibt leer. Nur der Traum bringt Er“Füllung“. Lessar (Nachteule u. verurteilt als Träumerin, doch der Vision mehr verbunden, als den Schwätzern und Irrläufern.

21/04/2009, 08:19